


Der Klimawandel wirkt sich bereits heute auf heimische Pflanzen und Tiere aus. Der Anpassungsdruck auf die Ökosysteme wird in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen.
Die Wissenschaftler(innen) des Forschungsverbunds DIVA haben herausgefunden, dass artenreiche Grünländer Umweltveränderungen besser abpuffern können als artenarme. Bei Trockenstress investieren Pflanzen zum Beispiel stärker ins Wurzelwerk, um das schwindende Wasser besser nutzen zu können.
Die Fähigkeit, sich auf veränderte Ressourcen einstellen zu können, besitzen nicht alle Pflanzenarten. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Pflanzengemeinschaft Arten beinhaltet, die diese Fähigkeit besitzen, steigt mit zunehmender Artenzahl in einem Ökosystem. Die als „Versicherungshypothese“ bekannte ökologische Theorie wurde bestätigt. Sie besagt, dass mit zunehmender Artenzahl die Gesamtfunktion eines Ökosystems unter Störung stabiler ist. Die lokale Pflanzendiversität ist wiederum umso höher, je dichter das Netz von Randstreifen, Hochstaudenfluren und extensiven Grünländern ist. Denn Pflanzen können sich nur über begrenzte Entfernungen ausbreiten. Maßnahmen, die zusammenhängende Ökosysteme ermöglichen, tragen zu einer nachhaltigen Nutzung von Wiesen und Weiden bei.
Eine weitere Möglichkeit die Artenvielfalt zu erhöhen, scheint die Einsaat zusätzlicher Pflanzenarten aus dem regionalen Artenpool zu sein. Eine experimentelle Einsaat erhöhte nicht nur die lokale Pflanzenvielfalt, sondern auch die Produktion von Biomasse auf den Wiesen und Weiden. Die erhöhte Artenvielfalt wirkt sich folglich positiv auf den Heu-Ertrag aus. Extensiv genutzte Wiesen mit einer höheren pflanzlichen Artenzahl zeigen bei den untersuchten Pflanzenarten auch eine höhere genetische Diversität. Das bedeutet, wenn die Artenvielfalt durch intensiv genutzte und biologisch verarmte Landwirtschaftsflächen abnimmt, reduziert sich auch die genetische Diversität innerhalb einer Pflanzenart. Ausserdem wurde gezeigt, dass auch weit verbreitete Insektenarten häufiger sind, wenn viele verschiedenen Pflanzenarten vorkommen.
Um biologische Vielfalt beurteilen zu können, werden bislang vor allem die Anzahl der Pflanzenarten oder darauf basierende Kennzahlen aus Artenzahl und Häufigkeit verwendet. Häufig wird der Wert einer Fläche auch anhand gefährdeter Arten von Pflanzen und einiger weniger Tiergruppen wie Vögeln oder Schmetterlingen beschrieben, die sich auf Rote-Liste-Arten beschränken. Um die gesamte Biodiversität in einem Ökosystem zu erfassen, reichen die bestehenden Kennzahlen jedoch nicht aus. Das Forschungsprogramm BIOLOG hat deshalb ein System entwickelt, das die Vollständigkeit von Nahrungsnetzen untersucht. Mit diesem Bewertungssystem lässt sich auch messen, wie sich die biologische Vielfalt entwickelt, wenn Grünland extensiver als vorher genutzt wird.
Ein Beispiel für ein derartiges System ist die Beziehung einer Pflanze, zu den Insekten, die von dieser Pflanze leben und den Räubern, die wiederum diese Insekten fressen. Die BIOLOG-Forscher(innen) haben ein System zur Bewertung biologischer Vielfalt entwickelt, in dessen Zentrum der Rotklee steht. Der Rotklee eignet sich als Bezugspflanze, da er an vielen Standorten zu finden ist. Sein korrespendierendes Nahrungsnetz sind Insektengemeinschaften, sogenannte Gilden, die in den Blütenköpfen des Rotklees leben.
Mit diesem Indikationssystem lässt sich auch beurteilen, wie sich die biologische Vielfalt entwickelt, wenn externe Störungen aus der intensiven Landbewirtschaftung wie zum Beispiel häufige Mahd oder Dünger reduziert werden. Es lässt sich witterungsunabhängig und standardisiert durchführen.
Jede umweltpolitische Entscheidung bewertet Umweltgüter direkt oder indirekt. Die ökonomische Bewertung von biologischer Vielfalt kann der Politik bei Entscheidungen über geeignete Maßnahmen helfen. Bei einer Befragung im Thüringer Schiefergebirge und Frankenwald wurden die Präferenzen der Bevölkerung für verschiedene Maßnahmen zur Erhaltung von biologischer Vielfalt und den ökosystemaren Dienstleistungen des Grünlandes ermittelt. Weiterhin wurde untersucht, was der oder die Einzelne für eine konkrete Maßnahme zur Erhaltung biologischer Vielfalt bereit wäre zu zahlen. Im Durchschnitt waren die Befragten bereit, für die kulturellen und ästhetischen Dienstleistungen des Grünlandes 55 Euro pro Person im Jahr zu zahlen. Für die Grundwassererzeugung und den Trinkwasserschutz würden die Befragten 66 Euro an die öffentliche Hand abgeben, für die ökologische Versicherungsdienstleistung von artenreichen Wiesen und Weiden hingegen nur 38 Euro. Die Erhaltung der alten Haustierrassen Thüringer Waldziege und das Frankenvieh wäre den Befragten sogar 85 Euro im Jahr wert.
Zu den Projektseiten von DIVA
Prof. Dr. Wolfgang W. Weisser
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel.: +49 3641 949 410
E-Mail:
wolfgang.weisser(at)uni-jena.de
